Krebsforschung: Fortschritte in der Krebstherapie umsetzbar?
Von den Patientinnen mit Brustkrebs, die innerhalb klinischer Studien betreut werden, leben fünf Jahre nach der Diagnose noch 84 Prozent gegenüber 78 Prozent bei einer Behandlung nach allgemeinen Standards, berichtete Professor Dr. med. Werner Lichtenegger, Direktor der Universitätsfrauenklinik der Charité in Berlin, bereits 2002 nach der Rückkehr vom 38. Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO).
Um Patienten, die an Krebs erkrankt sind, nach den neuesten Erkenntnissen und nach bestem Wissen behandeln zu können, stehen die Ärzte in Deutschland häufig vor der Notwendigkeit, Medikamente zu verordnen, die sich in wissenschaftlichen Studien bereits bewährt haben, die für diese spezielle Indikation aber noch keine Zulassung haben. In solchen Fällen übernehmen die Krankenkassen oftmals nicht die Kosten der Behandlung.
Der Berliner Gynäkologe PD Dr. med. Jens-Uwe Blohmer von der Universitätsfrauenklinik der Charité hat beim ASCO-Kongress neueste Studien für die Behandlung von Frauen mit Zervixkarzinom vorgestellt. Danach hatten Patientinnen nach adjuvanter platinhaltiger Chemotherapie kombiniert mit einer Strahlentherapie deutlich weniger Rezidive, wenn die Patientinnen zusätzlich auch noch Erythropoetin (Epoetin alfa) bekommen. Ãhnlich ermutigende Ergebnisse über neue modulare Therapiekonzepte gab es auch für die Behandlung von Patientinnen mit Brustkrebs, mit Ovarial- oder mit Korpuskarzinom.
Die Frage ist allerdings, ob solche Fortschritte in der Krebstherapie in Deutschland noch umsetzbar sind. Tatsächlich gebe es zunehmend Schwierigkeiten, neue Forschungsergebnisse aus der Onkologie den Patienten zu kommen zu lassen, meint der Berliner Frauenarzt, Dr. med. Hans-Joachim Hindenburg. So werden in Deutschland beispielsweise nur vier Prozent aller Patientinnen mit Brustkrebs in Studien behandelt, berichtete Hindenburg, der sich als onkologischer Gynäkologe spezialisiert hat. "Der Fortschritt in der Onkologie kommt den Krebspatienten nur noch mit einiger Verzögerung zugute", sagte Hindenburg.
Nach Hindenburgs Angaben veraltet das Wissen über Diagnostik und Therapie in der Onkologie innerhalb von drei Jahren. Um immer auf dem Laufenden zu sein und die Patienten nach bestem Wissen behandeln zu können, müsse sich der Arzt deshalb ständig fortbilden. Zugleich sei aber auch große Erfahrung in der Behandlung von Krebskranken erforderlich, die hierzulande überwiegend von niedergelassenen Spezialisten betreut werden.
In der Praxis stellt sich dabei aber ein wichtiges Problem: Gerade im fortgeschrittenen Stadium werden auch von den niedergelassenen Ärzten oftmals Medikamente eingesetzt, die sich zwar in wissenschaftlichen Studien bewährt haben, die aber für die spezielle Situation keine Zulassung haben. Dieser sogenannte Off-Label-Use von Arzneimitteln habe vor allem in jüngster Zeit immer wieder zu Regressforderungen " zum Teil in Millionenhöhe" der Kassen gegen Ärzte geführt. Das Bundessozialgericht hat allerdings schon vor geraumer Zeit Regeln für den Off-Label-Use aufgestellt.


